Intermezzo

Leise müht sich der erste Takt aus den Lautsprechern, die irgendwo im Hintergrund ihr Dasein fristen und gewissenhaft ihrer Aufgabe nachgehen egal ob jemand zuhört oder nicht. Doch dieser Takt bricht sich die Bahn durchs Zimmer und meine Gehörwindungen um die Barriere in mein Bewusstsein zu durchbohren.

Es ist der erste Takt eines Songs, der wie ein Schlüssel zu einer alten Erinnerung ist. Wie aus dem Nichts blumst dieser Schlüssel in mein Bewusstsein, bleibt liegen. Ich unterbreche meine Arbeit sehe ihn einen langen Augenblick an um dann die verstaubte Kiste mit den passenden Erinnerungen aus dem Unterbewussten zu kramen.

Eigentlich ein typischer Emo-Song. Weinerliche Weltschmerzmukke eben. Selber hätte ich diesem Song warscheinlich Hausverbot verhängt. Aber wenn man mit einem netten Menschen – und vorallem hübschen Frau – chattet, der einem dann diesen Song zuspielt, ist man im ersten Moment etwas vorsichtiger mit seinem Urteil.

Ich hatte sie irgendwann mal in einer Social-Community – die kamen da gerade auf aber hießen noch nicht so – angeschrieben.  Ich hatte mir zuvor ein stattliches Sortiment an Anmachsprüchen zurechtgelegt und nutzte das Internet um diese auszutesten. Der Spruch, den ich ihr schrieb, wirkte (wenn ich doch bloß noch wüsste wie der ging!). Allerdings wohnte ich damals noch in der Nähe von Stuttgart und sie in Hamburg und Volljährig war ich damals glaube ich auch noch nicht. Aber es entwickelte sich eine unterhaltsame Internetfreundschaft. Mal flierteten wir ein bisschen, mal unterhielten wir uns über unseren Alltag, über Parties und was uns sonst so durch den Kopf ging.

Als sie mir den Song zeigte flierteten wir nicht. Womöglich regnete es in Hamburg und sie war in melancholischer Stimmung als sie wieder an ihre Freunde dachte und mir von ihnen erzählte. Vier gute Freunde waren es, so erzählte sie mir. Und wie ihr Vater, der Chefarzt war, sie ansah, als er von der Nachtschicht nach Hause kam. Wir waren beide der Meinung, dass es wohl das Beste war, dass sie es von ihm erfuhr und nicht erst Tage später um irgendwelche Ecken herum. Heimweg vom Club, zu schnell, vier Freunde auf einmal einfach weg. Der Song lief rauf und runter während sie mir das erzählte.

Und als drei bis vier Jahre später eine E-Mail von einer ihrer Freundinnen kam, da kramte ich den Song wieder aus den UnterUnterOrdnerzweigen meiner Festplatte und ließ ihn in Dauerschleife laufen. Ein Autounfall, noch in der selben Nacht im Krankenhaus gestorben. Ich wohnte inzwischen in Berlin, hatte ihr versprochen sie mal zu besuchen. Ob ihr Vater an diesem Tag auch Nachtschicht hatte? Sie wurde 21.

Mein Blick schweift zur Uhr. 22.17 Uhr. Ich habe noch Arbeit für zwei bis drei Stunden und muss morgen um 9 los.

Mit einem Seufzer schließe ich die Erinnerung, achte darauf das beim Zusammenpacken nichts verlohren geht, verabschiede mich nochmals von der Freundin und stelle die Erinnerung an sie wieder in die hintere Ecke.

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